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v.l.n.r.: Marion Aitzermüller (ÖNK), Katharina Haiden-Fill (Vizepräsidentin Notariatskammer Kärnten), Sophie Martinez (Future Law), Marcella Handl (ÖNK-Vizepräsidentin), ©Women In Law

„Netdoktor-Syndrom“ im Recht: Warum Künstliche Intelligenz die menschliche Expertise im Notariat nicht ersetzt

Am 29. Jänner diskutierten Expertinnen beim Auftakttreffen der Fokusgruppe Notarinnen der Initiative Women in Law Herausforderungen, Chancen und neue Impulse für Rechtssicherheit im digitalen Zeitalter

Das im Gesundheitswesen bekannte „Netdoktor-Syndrom“ – Patient:innen kommen mit vorab recherchierten Internet-Diagnosen in die Arzt-Praxis –, wird zunehmend auf ähnliche Weise in der Rechtsberatung erkennbar. Mit der Verbreitung von ChatGPT und Online-Musterverträgen wächst das Bedürfnis nach schneller, digitaler Information. Doch wie lässt sich dieser vermeintliche technologische Fortschritt mit dem Bedarf nachindividueller Rechtsberatung vereinbaren? Und wer stellt sicher, dass KI-Lösungen alle Informationen korrekt abfragen und bewerten und damit Lösungen anbieten, die im Interesse der Rechtssuchenden streitvermeidend und rechtssicher wirken?

Die Frage wie die Rechtsbranche mit diesen Entwicklungen umgeht, stand im Zentrum des Kick-offs der neuen Fokusgruppe Notarinnen von „Women in Law“ in Wien.

Unter dem Titel „Zukunft. Recht. Verantwortung. Juristinnen als Schnittstelle von Rechtssicherheit, KI und Gesellschaft“ wurde die Kooperation zwischen der Initiative Women in Law und dem österreichischen Notariat offiziell gestartet.

Vom Patienten zum Klienten: Der Blick über den Tellerrand

Den inhaltlichen Impuls lieferte Romana Ruda, Managing Partner des Future Health Labs, die das Phänomen der digitalen Selbstdiagnose aus dem Gesundheitswesen beleuchtete. Sie zeigte auf, wie KI-Anwendungen das Verhalten von Nutzer:innen verändern. Immer seltener werden Expert:innen zu Beginn einer Fragestellung konsultiert, sondern häufig erst dann, wenn bereits vorgefertigte Lösungen vorliegen.

Diese Beobachtung griff das Panel aus Notarinnen und Juristinnen auf.Marcella Handl, Vizepräsidentin der ÖNK, Katharina Haiden-Fill, Vizepräsidentin der Notariatskammer für Kärnten, Petra Cernochova, Vizepräsidentin des ÖRAKT, und Kristina Weis, Vizepräsidentin der KSW, diskutierten unter der Moderation von Sophie Martinetz, Gründerin und Vorständin von Women in Law, die Chancen und Grenzen von Künstlicher Intelligenz im Rechtsbereich.

Das Fazit: KI bietet enormes Potenzial für Effizienz und Vorbereitung. Gleichzeitig birgt die vermeintlich „schnelle Lösung“ aus dem Netz ohne fachliche Einordnung erhebliche Risiken. Die Diskussionsteilnehmerinnen verstehen KI daher als wertvolles Werkzeug, die persönliche Beratung, die inhaltliche Verantwortung und die finale rechtliche Absicherung bleiben jedoch unverzichtbar menschliche Aufgaben.

Die Gefahr der „richtigen Antwort auf die falsche Frage“

ÖNK-Vizepräsidentin und Notarin Marcella Handlbetonte die Offenheit des Berufsstandes gegenüber technologischen Innovationen, warnte jedoch vor einem unkritischen Einsatz:

„Künstliche Intelligenz liefert schnell Antworten, aber sie ersetzt nicht das Verständnis für den Kontext. Wenn die Fragestellung falsch ist, führt auch die beste Antwort in die falsche Richtung. Die Aufgabe des Notariats ist es, Risiken zu erkennen und Rechtssicherheit herzustellen.“

Gerade in einer zunehmend algorithmusgetriebenen Welt wird notarielle Beratung damit zu einer modernen Sicherheitsarchitektur. Während KI bei Recherche, Strukturierung und Vorbereitung effizient unterstützt, bleiben die Prüfung des freien Willens, die rechtliche Bewertung komplexer Lebenssachverhalte sowie die Absicherung langfristiger Haftungs- und Wirkungsfolgen unverzichtbar menschliche Kernkompetenzen. Gleichzeitig verändern sich die Anforderungen an juristische Berufsbilder. Neben fundierter Fachkompetenz gewinnen technisches Verständnis, ethische Verantwortung und die Fähigkeit zur kritischen Einordnung digitaler Ergebnisse zunehmend an Bedeutung.

Rechtssicherheit braucht Verantwortung

Auch Notarin Katharina Haiden-Fill, Vizepräsidentin der Notariatskammer für Kärnten, unterstrich die Bedeutung persönlicher Verantwortung im digitalen Wandel:

„Der digitale Wandel verändert Arbeitsweisen, aber nicht den Kern der juristischen Arbeit. Kompetenz, Sorgfalt und persönliche Verantwortung bleiben entscheidend – ergänzt um neue technologische und gesellschaftliche Anforderungen an unseren Beruf.“

Der digitale Fortschritt verändert nicht nur Arbeitsweisen, sondern auch Rollenbilder. Jurist:innen entwickeln sich zunehmend zu Schnittstellen zwischen Recht, Technologie und Gesellschaft. Sie begleiten Klient:innen nicht nur bei der rechtlichen Umsetzung, sondern auch bei der Orientierung in einem Umfeld, in dem Informationen jederzeit verfügbar, deren Qualität jedoch nicht immer sofort erkennbar sind.

Starke Vernetzung für die digitale Zukunft

Die neue Women in Law-Fokusgruppe Notarinnen wird von einem Steering Committee begleitet, bestehend aus Marcella Handl, Katharina Haiden-Fill, Marion Aitzetmüller und Sophie Martinetz, ist das Ergebnis einer intensiven inhaltlichen Vorbereitung.

„Mit der neuen Fokusgruppe schaffen wir einen Raum, in dem Frauen den digitalen Wandel der Rechtsbranche aktiv mitgestalten und ihre Rolle als wichtige Anlaufstelle für Rechtssicherheit weiter stärken“, so Sophie Martinetz.

Die Kooperation markiert den Beginn einer langfristigen Initiative zur nachhaltigen Weiterentwicklung des Berufsbilds Notarin und der Vernetzung von Frauen in den unterschiedlichsten Rechtsberufen.